Schloss Wolfenbüttel, Foto: Reimann
Bürgermuseum Wolfenbüttel, Foto: Reimann
Brecht-Weigel-Haus Buckow, Foto: Reimann
Offene Gärten, Bornim
 
Teilen auf Facebook   Link verschicken   Druckansicht öffnen
 

Der historische Abstecher der Woche

Nur zu gerne möchten wir Sie wieder auf unseren Exkursionen und Führungen begrüßen, aber leider müssen wir uns dafür weiter in Geduld üben. Doch obwohl der Puls der Zeit momentan langsamer schlägt und unsere Bewegungen einen kleineren Radius umfassen, möchten wir gemeinsam mit Ihnen unterwegs sein.

Potsdam ist reich an Geschichte und Geschichten, die noch heute an den Bauwerken haften oder sich hinter ihren Fassaden verbergen. Hier gibt es zahlreiche Sehenswürdigkeiten von Rang, aber gleichzeitig auch viele vergessene Orte und tote Winkel der Erinnerung, um die es uns geht: Plätze, die abseits der beliebten Fußwege liegen, Denkmäler, die langsam einstauben sowie historische Relikte, die man in der Hektik des Alltags oft übersieht. Jetzt nehmen wir uns die Zeit dafür.

Vielleicht gibt es für Sie noch etwas bisher Unbekanntes zu entdecken. Eventuell findet sich eine Stelle, an der Sie schon lange nicht mehr waren. Oder Sie möchten einfach ein wenig Abwechslung genießen. Denn hin und wieder lohnt es sich durchaus, beim Spazieren mal eine Querstraße früher als sonst abzubiegen, um später etwas Neues zu erfahren.

 

Ich lade Sie herzlich ein, mich dabei zu begleiten!

 

Dr. Marc Banditt

 

Peter Rohn: Adam und Eva, Foto: Marc Banditt

Woche 4

 

Zeppelinstraße 164 B

Ein Stück Paradies


Das Wort Paradies lässt Kenner der Potsdamer Historie natürlich schnell an Johann Moritz von Nassau-Siegen denken, der in den 1660er-Jahren eine poetische Vorstellung davon hatte, was aus dem märkischen „Eylandt“ werden müsse. 300 Jahre später ist diese Insel um ein kleines, aber wegweisendes Stück vergrößert worden. Die Zuschüttung des nördlichen Teils der Neustädter Havelbucht folgte pragmatischen Maximen, konnte dadurch die Breite Straße endlich mit der Zeppelinstraße verbunden werden. Von dieser verkehrsreichen Kreuzung geht man nur wenige hundert Meter Richtung stadtauswärts und biegt bei der ersten Querstraße links ab, bevor man nach einigen Schritten ein rund 300 m² großes Wandmosaik passiert. Vollendet wurde es 1981 vom Maler und Grafiker Peter Rohn, auf den zahlreiche Darstellungen im öffentlichen Raum von Potsdam zurückgehen. Und was, oder besser gefragt wer, ist nun an dieser Hauswand zu erkennen? Es handelt sich in der Tat um keine Geringeren als Adam und Eva! Ein durchaus gewagtes Motiv für ein Bauwerk realsozialistischer Prägung. Die Suche nach der Schlange und nach dem Apfel erweist sich letztlich aber als vergeblich. Dennoch – oder gerade trotzdem – enthält das Bild vielfältige Symboliken und Andeutungen, die zum Nachdenken über den Menschen und seine Ursprünge anregen. Was wohl der Herr von Nassau-Siegen dazu gesagt hätte?

 

 

 

 

Karl Liebknecht Golm/Eiche, Foto: Marc Banditt

Woche 3

 

Ecke Reiherbergstraße / Karl-Liebknecht-Straße
Als Karl und die Knechte zu Wahlsiegern wurden


12. Januar 1912: Das Unfassbare war eingetreten! Nach zwei missglückten Versuchen – 1903 und 1907 – hatte es Karl Liebknecht tatsächlich geschafft, den Wahlkreis Nr. 7 (Provinz Brandenburg – Regierungsbezirk Potsdam) für sich zu entscheiden. Ein Triumph im sogenannten Kaiserwahlkreis, der sich aus dem Osthavelland, Spandau und Potsdam zusammensetzte und eigentlich eine feste Bank der Konservativen war. Den Roten hingegen gelang damals ein Sieg auf ganzer Linie und Liebknecht selbst mit fast 25.000 erhaltenen Stimmen ein Husarenstreich mitten im Herzen der Hohenzollernmonarchie. Die Zeiten hatten sich also geändert, zumal es der letzte landesweite Gang zur Urne im Deutschen Kaiserreich sein sollte.
Nach seinem Eintritt in die Sozialdemokratische Partei (1900) war Liebknecht in der märkischen Residenzstadt sehr umtriebig gewesen, wo er bis heute einige Spuren hinterlassen hat. Zahlreiche Kundgebungen, Partei- und Wahlkampfveranstaltungen hatte der in Leipzig geborene Rechtsanwalt auf sich genommen, so auch am 31. Juli 1910 in Golm. Dort sprach er gegen das Dreiklassenwahlrecht – eine schwere Hypothek für die Herausbildung demokratischer Strukturen in Preußen.
Noch mehr als die Inschrift des Denkmals verrät uns die Chronik des Potsdamer Ortsteils über seinen Auftritt: „Liebknecht fand in Golm aufmerksame Zuhörer und große Zustimmung. […] Als [er], aus Potsdam kommend, hier eintraf, hatten sich schon ca. 50 Personen […] eingefunden. Er sprach etwa eine Stunde zu seinen Golmer Anhängern und unterhielt sich anschließend noch in kleinem Kreis“.1  Nun, wenn das so stimmt, scheint sich der Aufwand für den Wahlkämpfer am Ende ja gelohnt zu haben…   

 


1) 700 Jahre Golm. Ein Streifzug durch die Geschichte des märkischen Dorfes am Reiherberg, hg. vom Rat der Gemeinde Golm, Golm 1989, S. 68.

 

 

 

 

 

 

Karl Heinrich Schäfer, Foto: Marc Banditt

Woche 2

 

Meistersingerstraße 2
Im Glauben (und) gegen das Verbrechen
 
Karl Heinrich Schäfer hatte schon viel gesehen und noch mehr erlebt, bevor es ihn zu Beginn der 1920er-Jahre nach Potsdam verschlug.
Geboren 1871 im hessischen Wetter studierte der aus einfachen Verhältnissen kommende Schäfer evangelische Theologie in Greifswald, Erlangen und Marburg. Berlin, Kassel, Tübingen und Köln waren weitere Lebensstationen des mittlerweile promovierten Historikers. In der Rheinmetropole erhielt sein Leben eine entscheidende Weichenstellung: Der Übertritt zum Katholizismus 1902 führte prompt zum Verlust seiner Stelle am dortigen Stadtarchiv. Nur kurze Zeit später fand sich Schäfer in Rom wieder als Stipendiat der Görres-Gesellschaft, bis der Ausbruch des Ersten Weltkrieges seine Arbeit am Tiber beendete. Zwangsweise musste er den Campo Santo verlassen – jenen Ort, wo während der Christenverfolgung zahlreiche Martyrer starben – um mit eigenen Augen das Grauen der Moderne in Verdun zu sehen.
Nach dem Krieg ist er schließlich sesshaft in Potsdam geworden und beschäftigte sich ausgiebig mit der mittelalterlichen Kirchengeschichte Brandenburgs. Der Archivrat am neu gegründeten Reichsarchiv auf dem Brauhausberg musste sich unter seinen zahlreichen Kollegen aus dem Offizierskorps als Außenseiter fühlen. Mit nicht weniger Argwohn betrachtete Schäfer die an die Macht gekommenen Braunhemden, was auf Gegenseitigkeit beruhte – nach einer Denunziation folgte 1934 seine Versetzung in den Ruhestand. Er blieb ungebrochen und sein Haus in der Brandenburger Vorstadt ein geistiges Refugium für Gleichgesinnte. Zum Verhängnis wurde für ihn das Hören englischer Radiosender in Kriegszeiten; denunziert von der eigenen Hausangestellten geriet der Verratene in Haft, die er nicht überleben sollte.
Im Jahr 1999 ist Dr. Karl Heinrich Schäfer als Glaubenszeuge in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden.
 
 
 
 
 
 
Grad Yorck von Wartenburg, Foto: Marc Banditt

Woche 1

 

Ecke Burgstraße / Joliot-Curie-Straße
Ein unehelicher Volksheld im Potsdamer Straßenwirrwarr

 

Als Carl Christian Horvath „Potsdam’s Merkwürdigkeiten“ verfasste, widmete er der alten Schusterstraße, die „lauter neue Häuser von zwey Geschossen“1  hat, nicht mehr als zwei Zeilen. Ob der Name Johann David Ludwig von Yorck dem Publizisten und Buchhändler am Ausgang des 18. Jahrhunderts schon geläufig war, mag bezweifelt werden, zumal jener bis dato in seiner militärischen Laufbahn eher unangenehm aufgefallen war. Das Vergehen: Insubordination.
Mehrere Jahre später sollte der mittlerweile rehabilitierte und mehrfach beförderte Yorck abermals seine Vorgesetzten missachten. Für ihn hatte sein Handeln (Genaueres verrät die Inschrift der Gedenktafel) dieses Mal jedoch nicht eine einjährige Festungshaft – wie noch im Jahr 1780 – zur Folge, sondern die Erlangung des Heldenstatus. Dem Initiator des Freiheitskrieges gegen Napoleon wurden seitdem nicht allein Denkmäler in verschiedenen Städten gesetzt, auch Kriegsschiffe und Kasernen sind nach ihm benannt worden, Beethoven widmete Yorck einen Militärmarsch, die Ufa drehte 1931 ihm zu Ehren einen ganzen Film.
In seiner Geburtsstadt Potsdam trugen bis heute gleich drei Straßen seinen Namen: jene entlang des westlichen Teils des Kanals (seit 1962), die heutige Kopernikusstraße in Babelsberg (von 1905 bis 1945) und zwischen 1864 und 1945 schließlich die kleine Straße in der Potsdamer Altstadt mit dem Yorckschen Geburtshaus, das am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde. Die Schusterstraße (von 1945 bis 1964 Novalisstraße) ist ebenso nicht mehr existent im Stadtgrundriss. Dort kam der spätere preußische Generalfeldmarschall am 26. September 1759 zur Welt, als unehelicher Sohn des Offiziers David Jonathan von Yorck und Maria Sophia Pflug, der Tochter eines Handwerkers. Und richtig, es stimmt, es gab früher auch eine Pflugstraße in Potsdam…

 

1)  Carl Christian Horvath, Potsdam’s Merkwürdigkeiten, beschrieben, und durch Plans und Prospekte erläutert, Potsdam 1798, S. 78.