Schloss Wolfenbüttel, Foto: Reimann
Bürgermuseum Wolfenbüttel, Foto: Reimann
Brecht-Weigel-Haus Buckow, Foto: Reimann
Offene Gärten, Bornim
 
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Der historische Abstecher der Woche

Nur zu gerne möchten wir Sie wieder auf unseren Exkursionen und Führungen begrüßen, aber leider müssen wir uns dafür weiter in Geduld üben. Doch obwohl der Puls der Zeit momentan langsamer schlägt und unsere Bewegungen einen kleineren Radius umfassen, möchten wir gemeinsam mit Ihnen unterwegs sein.

Potsdam ist reich an Geschichte und Geschichten, die noch heute an den Bauwerken haften oder sich hinter ihren Fassaden verbergen. Hier gibt es zahlreiche Sehenswürdigkeiten von Rang, aber gleichzeitig auch viele vergessene Orte und tote Winkel der Erinnerung, um die es uns geht: Plätze, die abseits der beliebten Fußwege liegen, Denkmäler, die langsam einstauben, sowie historische Relikte, die man in der Hektik des Alltags oft übersieht. Jetzt nehmen wir uns die Zeit dafür.

Vielleicht gibt es für Sie noch etwas bisher Unbekanntes zu entdecken. Eventuell findet sich eine Stelle, an der Sie schon lange nicht mehr waren. Oder Sie möchten einfach ein wenig Abwechslung genießen. Denn hin und wieder lohnt es sich durchaus, beim Spazieren mal eine Querstraße früher als sonst abzubiegen, um später etwas Neues zu erfahren.

 

Dr. Marc Banditt, Foto: Monika Schulz-Fieguth

 

 

Ich lade Sie herzlich ein, mich dabei zu begleiten!

 

Dr. Marc Banditt

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens: Dieses Angebot ist für Sie kostenlos. Spenden für die Unterstützung unserer Arbeit sind jederzeit willkommen!

 

 

Übersichtskarte - Einfach auf das Bild klicken!

Für einen Überblick über alle bereits besuchten Orte in Potsdam und Umgebung klicken Sie einfach auf das nebenstehende Bild. Sie erreichen so eine interaktive Karte, in der Sie alle Orte, Text und Bilder finden, und die regelmäßig um die neuesten Beiträge aktualisiert wird.

Viel Spaß bei Ihren virtuellen - oder auch echten - Wanderungen!

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedenktafel mam Marquisat, Foto: Marc Banditt

Woche 20

 

Neustädter Havelbucht

Ein Trauerspiel in Potsdam

 

„Hier meine Tochter? Hier in diesem elenden Wirtshause?“ Als hätte Sir William Sampson gewusst, dass das sich anschließende Ränkespiel in dem englischen Gasthof keinen guten Ausgang für seine Sara bereithalten wird. Das erste bürgerliche Trauerspiel der neueren deutschen Literatur stammte aus der Feder von Gotthold Ephraim Lessing und wurde am 10. Juli 1755 in Frankfurt an der Oder uraufgeführt. Entstanden ist es jedoch hier, etwa an dieser Stelle. Anders als andere Zeitgenossen hatte der berühmte Dichter seinen Aufenthalt in Potsdam behutsam geheim gehalten. Als kreativer Rückzugsort diente ihm das Marquisat, ein Anwesen, das im Besitz von Jean-Baptiste de Boyer (besser bekannt als der Marquis d’Argens) gewesen war, der schon seinem Landsmann Voltaire wenige Jahre zuvor Unterschlupf gewährt hatte. Als Lessing mit gepackten Koffern vor der Haustür stand, war es vom Namensgeber bereits wieder veräußert worden. Dennoch, das Landhaus – damals noch vor den Toren der Stadt befindlich – bot mit der Aussicht auf die Havelbucht sicherlich die notwendige Abgeschiedenheit, um innerhalb von knapp zwei Monaten das Drama über das Schicksal einer jungen Frau abzuliefern, die der Eifersucht ihrer Rivalin erliegt. Das Marquisat selbst durchlebte im Nachhinein ebenso launenhafte Episoden, geprägt von vielen Eigentümerwechseln und Grundstücksteilungen, bis der endgültige Abriss 1978 erfolgte. Welchen Vers Lessing wohl dazu gesetzt hätte? Vielleicht diesen hier: „Es wäre wenig in der Welt unternommen worden, wenn man nur immer auf den Ausgang gesehen hätte.“

 

 

 

Kaak an der Gerichtslaube, Foto: Marc Banditt

Woche 19

 

Lennéhöhe im Park Babelsberg
Recyceltes Rathaus


Es sieht so aus, als wäre er schon etwas in die Jahre gekommen, der mit einem hämischen Grinsen und Eselsohren ausgestattete Vogel an der südwestlichen Fassade. Es ist der Kaak, ein Symbol für Schimpf und Schande aller derjenigen, die nicht nur gewissermaßen am Pranger stehen. Und tatsächlich führen die Spuren des quadratischen Backsteingebäudes weit zurück in die Vergangenheit, genauer gesagt bis in das 13. Jahrhundert. Im damals noch jungen Berlin wurde die Gerichtslaube als Teilanbau des Alten Rathauses im Nikolaiviertel errichtet und manifestierte lokale Selbstverwaltung und öffentliche Rechtsprechung in dem noch kleinen mittelalterlichen Städtchen. Das zu den ältesten Profanbauten Deutschlands gehörende Gebäude diente – nach zwischenzeitlicher Barockisierung – bis in das 19. Jahrhundert hinein. Im Laufe eines guten halben Jahrtausends hatte nun Berlin um einiges zugelegt, weshalb die Rufe nach einem neuen, der dynamischen Hauptstadt würdigen, Gemeindesitzes lauter wurden. Im Zuge der Bauarbeiten am 1871 fertiggestellten Roten Rathaus erfolgte schrittweise der Abriss des Vorgängers, was auch der dazugehörigen Gerichtslaube drohte. Doch es regte sich Protest dagegen, mitunter in Gestalt des sich eigens formierenden Vereins für die Geschichte Berlins. Im Ergebnis erhielt die Laube kein Geringerer als der damalige Kaiser zum Geschenk, der diese auf der Lennéhöhe im Babelsberger Park wieder aufbauen ließ. Seit 1987 beherbergt das Nikolaiviertel in Berlin wieder eine eigene Gerichtslaube: Ein gemütliches Restaurant, an dessen Außenwand – natürlich – der Kaak auf die Gäste herabblickt.

 

 

 

Bahnhof Pirschheide, Foto: Marc Banditt

Woche 18

 

An der Pirschheide

Der nächste Halt ist…

 

Die holprigen Treppenstufen nach unten führen geradewegs zu einem leidenschaftslos zugemauerten Durchgang, entlang der bröckelnden Fugen der Bodenpflasterung bahnt sich die Natur langsam aber stetig ihren Weg zurück, die Außenflächen auf dem noch nicht stillgelegten Bahnsteig präsentieren ein buntes Spektrum gängiger Ausdrucksformen rudimentärer Graffitikunst. Auf dem Vorplatz haben sich eben zwei verlorene Seelen verirrt, sehnsuchtsvoll auf die Straßenbahn Nr. 91 wartend, die nach ihrer Rundfahrt durch die halbe Stadt jedoch erst einmal eine wohlverdiente Ruhepause einlegt. Die Einladung, sich die Wartezeit mit einem Hamburger und einer Coca-Cola am Imbiss zu verkürzen, ist nett gemeint – nur leider hätte man dafür das eine oder andere Jahrzehnt früher vor Ort sein müssen. Kaum vorstellbar, dass hier einst weit über hundert Züge auf sechs Gleisen täglich ein- und ausfuhren. Der „Bahnhof Potsdam Süd“ wurde 1958 eingeweiht und verdankte seine Daseinsberechtigung nicht unwesentlich der Teilung Berlins. Als drei Jahre darauf der politische Status quo mit dem Mauerbau in Zement gegossen wurde, erfolgte die Umfunktionierung des Standortes am Berliner Außenring zum Potsdamer Hauptbahnhof, stark frequentiert und durchgängig belebt. Mit der Öffnung der Grenzen und der Wiederaufnahme des direkten Zugverkehrs ändert sich die Weichenstellung in der brandenburgischen Landeshauptstadt ebenso grundlegend wie rapide. Ab 1993 firmiert der Halt unter dem Namen „Potsdam Pirschheide“, wo seitdem ein Licht nach dem anderen ausgegangen ist. Immerhin, seit wenigen Jahren steppt in der ehemaligen Eingangs- und Wartehalle regelmäßig der Bär, wenn nicht gerade Corona wär. Und auch die Eröffnung des Berliner Großflughafens lässt auf einen strukturellen Aufschwung hoffen. Noch ist hier also nicht Endstation…

 

Brauhausberg, Foto: Marc Banditt

Woche 17

 

Am Havelblick 6
Das sind ja schöne Aussichten

 

Welche Bedeutung der Brauhausberg einnahm, lässt sich mühelos dem Wortstamm der Ortsbezeichnung entlehnen: Wurden bis 1700 auf den Hängen des kurfürstlichen Weinbergs noch edle Trauben geerntet, erfolgte mit der Errichtung des Königlichen Brauhauses (1716) der Wechsel zum kühlen Gerstensaft. Die voranschreitende Bebauung des dritthöchsten Potsdamer Berges beförderte in der Folge nicht nur die Produktions- und Transportmöglichkeiten des Genussmittels, sondern auch dessen Ausschank. Nicht wenige beliebte Lokalitäten (auch Tanz- und Kinostätten) haben sich dort im Laufe der Zeit angesiedelt, mitunter das – seinerseits in die Jahre gekommene und baufällige – Terrassenrestaurant Minsk, eröffnet im Jahr 1977. Die Erfolgsformel „Teller mit Aussicht“ bewährte sich somit rund anderthalb Jahrhunderte. Denn was heute ein wenig aus dem buchstäblichen Blickwinkel geraten ist, ist die Tatsache, dass von den Höhenzügen dieses Berges ein hervorragendes Panorama von der Stadt geboten wird. Sei es aus Sicht der im „Kreml“ residierenden Genossen zu DDR-Zeiten, für Schaulustige auf dem Turm des von 1804 bis 1955 existierenden neugotischen Belvederes oder aus der Perspektive zahlreicher Maler, die die Havelresidenz insbesondere im 18. Jahrhundert als Gesamtwerk porträtierten: Dem sich darbietenden Bild konnte man sich nur schwerlich entziehen. Mittlerweile ist es deutlich schwieriger geworden, auf dem Brauhausberg eine Stelle zu finden, die eine ähnliche formidable Rundschau offenbart. Jedoch, das eine oder andere pittoreske Kleinod ist noch erhalten geblieben, so wie der „Kaiser-Friedrich-Blick“. Also: Wer ein paar Höhenmeter zu Fuß auf sich nimmt, wird auf majestätische Weise belohnt.

 

 

 

Eisenhart-Denkmal, Foto: Marc Banditt

Woche 16

 

Ecke Eisenhartstraße / Behlertstraße
Ein Anwalt für Potsdam

 

Eigentlich hätte es ganz anders kommen sollen. August Friedrich Eisenhart, geboren am 29. August 1773 in der Berliner Straße Nr. 3, war auf dem besten Weg, eine klassische akademische Bildungslaufbahn einzuschlagen. Für den Absolventen der Grande Ecole in Potsdam war im Grunde der Antritt eines Studiums der Rechtswissenschaften vorgesehen. Doch als wäre der Tod seines älteren Bruders nicht schon allein ein schwerer Schicksalsschlag gewesen, musste August Friedrich damit auch seine Hoffnungen auf den Gang an die Universität begraben. Denn sein Vater übertrug nun ihm die Übernahme des familieneigenen Kolonialwarengeschäfts. In der Folge zeige sich aber, dass der Jungunternehmer ein enormes betriebswirtschaftliches Geschick an den Tag legte; zudem hatte er das notwendige Glück bei nicht ganz risikolosen Aktiengeschäften. Summa summarum gelangte August Friedrich Eisenhart zeitlebens zu einem stattlichen Vermögen. Es war aber nicht seine prall gefüllte Brieftasche, mit der er sich ein Denkmal geschaffen hatte, sondern die Tatsache, diese für gemeinnützige und wohltätige Zwecke regelmäßig zu öffnen. Bereits zu Lebzeiten ließ er dem Türkschen Waisenhaus in Klein Glienicke Unterstützung zukommen und eine Heilanstalt in der heutigen Belehrtstraße errichten. Auch der Bau der Trauerhalle auf dem Alten Potsdamer Friedhof ging auf eine generöse Spende von ihm zurück. In der Nähe davon befindet sich die Gruft der Familie Eisenhart. August Friedrich verstarb am 13. März 1846 – nicht ohne der Stadt die Hälfte seines Vermögens (193.000 Taler) zu hinterlassen. Drei Jahre später war er (posthum) Potsdams erster Bürger, nach welchem eine Straße benannt wurde. Das ihm zu Ehren ursprünglich vor seinem Geburtshaus aufgestellte Monument bekam – nachdem es im Zweiten Krieg eingeschmolzen worden war – als Kopie aus Sandstein einen neuen Standort, nicht weit entfernt von einer 1883/84 eröffneten Mädchenschule. Jene Schule, die aus seinem Nachlass finanziert wurde und seinen Namen trägt. Eigentlich ganz gut so, dass nicht alles nach Plan verlaufen ist.

 

 

 

 

Gedenktafel am Haus 7 der Stadtverwaltung Potsdam, Foto: Marc Banditt

Woche 15

 

Hegelallee 6-10, Haus 7
Draußen vor dem Tor

 

Bescheiden. Verhalten. Unscheinbar. Man muss schon sehr nahe herantreten, um zu registrieren, dass diese Tafel und deren Inschrift einen bedeutenden Vorgang der jüngeren Zeitgeschichte dokumentieren. In etwa so nahe, wie jene Menschen, die im Spätherbst 1989 auf die Straße gingen und ihre Protestzüge zumeist vor der Bezirkszentrale der DDR-Staatssicherheit beendeten. Denn auch nachdem der Schlagbaum auf der Glienicker Brücke geöffnet worden war, blieb das Eisentor in der Hegelallee fest verschlossen. Noch. Seit die Ereignisse in der Nacht vom 9./10. November klargemacht hatten, dass sich das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen lässt, blieb es doch zunächst unklar, in welche Richtung es steuern würde. Zeiten des Übergangs. Während die einen um die Gestaltung der Zukunft ringen, beginnen die anderen, die Spuren der Vergangenheit zu verwischen. Anfang Dezember häuften sich die Meldungen, der Geheimdienst vernichte en masse belastendes Material. Wie vielerorts folgten auch Potsdamerinnen und Potsdamer dem Aufruf des Neuen Forums zur Besetzung und Kontrolle der Behördensitze. Kein ungefährliches Vorhaben. Schließlich wussten die am 5. Dezember 1989 genau an dieser Stelle Stehenden nicht, was und wer sie hinter dem Tor erwarten würde als sie Zugang zu jenem Ort erhielten, der eine Aura des Unbekannten und Bedrohlichen versprühte. Sichergestellt wurden am Ende neben einem beträchtlichen Waffenarsenal rund 1.000 Meter (50 Tonnen) laufende Akten. Das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit: Aufzeichnungen, Informationen, Profile – sorgfältig erstellt und systematisch geordnet. Eine Art von Schattenbiografien, die ungebetene Autoren ungefragt über unzählige Menschen (jede sechste im Bezirk Potsdam lebende Person) vorgefertigt hatten. Dies forderte Aufklärung. Mutig. Entschlossen. Sichtbar.

 

 

 

 

Skulpturengruppe von Friedrich von Boumann, Foto: Marc Banditt

Woche 14

 

Friedrich-Klausing-Straße 5

Ein Ort, wo aus Kasernen Schlösser werden


Die Jahreszahl auf der barocken Skulptur und das vergoldete Monogramm darüber lassen darauf schließen, dass Friedrich II. hier irgendwie seine königlichen Finger im Spiel hatte. Die rote Klinkerfassade des Gebäudes weist hingegen eher auf einen wilhelminischen Bau im Stil der roten Backsteingotik hin. Aber das lichtdurchflutete Atrium im Innenhof mit seinen extra gepflanzten Palmen unter dem Glasdach verheißt modernes, südliches Flair. Ist jemand nicht mitgekommen? Also jetzt mal der Reihe nach: Die von Friedrich II. eigentlich in Potsdam neu aufgestellten Garde-Feldartillerie-Regimenter wurden ab 1773 am Berliner Kupfergraben untergebracht. Das dortige Gebäude zierte die wuchtige Attika aus Sandstein, geschaffen von Georg Friedrich von Boumann. Aus Gründen der Baufälligkeit wurde über 100 Jahre später jedoch ein neuer Standort für die Stationierung der Einheiten gesucht. Die Wahl fiel schließlich auf den noch weitgehend unbebauten Norden Potsdams und so erhielt der Architekt Robert Klingelhöffer im Jahr 1891 einen entsprechenden Bauauftrag. In der Folge entstand an der heutigen Nedlitzer Straße der damals größte und modernste Kasernenkomplex der märkischen Residenzstadt, bei dem die einzelnen Funktionsbereiche in räumlich voneinander getrennten Bauten untergebracht waren. Der Umzug begann 1893. Als Erinnerungsstück befand sich im Gepäck der Regimenter auch die Skulpturengruppe mit dem kleinen Obelisken. Diese wurde als Mittelrisalit auf dem zentral gelegenen Montierungskammergebäude verbaut, das faktisch als Zeughaus fungierte. Die „Rote Kaserne“ beherbergte im Laufe der Zeit nicht nur die kaiserlichen Truppen, sondern nachfolgend Einheiten der Reichswehr, der Wehrmacht und der sowjetischen Streitkräfte. Nach exakt einem Jahrhundert – in den Jahren 1993/94 – endete mit dem Abzug der Besatzungsmacht dann die militärische Nutzung des Standortes. Für einen Teil der 1999 unter Denkmalschutz aufgenommenen Gebäude sah der städtische Bebauungsplan die Schaffung von Wohneinheiten vor. Aufwendig saniert ist das gesamte Quartier mittlerweile fest verankert in der Nauener Vorstadt. Die atmosphärische Transformation schlug sich auch sprachlich nieder: Aus der Kleiderkammer ist das Chateau Palmeraie geworden.

 

 

 

 

Gedenktafel für Hening und Erika von Tresckow, Foto: Marc Banditt

Woche 13

 

Lindstedter Chaussee 1
In der zweiten Reihe

 

Beinahe hätten wir es übersehen. Doch am linken oberen Bildrand einer gebräuchlichen Übersichtskarte für den Park Sanssouci ist noch ein Gebäude abgebildet, das zwar etwas abseits der Gesamtanlage gelegen ist, dennoch in den Genuss kommt, die Bezeichnung „Schloss“ für sich zu beanspruchen. Die Rede ist von Lindstedt, ein villenartiger Bau antiker Prägung mit einem mondänen Garten, der einen Ausflug zum Lustwandeln allemal lohnt. 1828 wurde es von Kronprinz Friedrich Wilhelm (ab 1840 König Friedrich Wilhelm IV.) gekauft und – nach einigen Verzögerungen – ab 1858 in der heutigen Gestalt umgebaut. Auch weil der Regent noch vor der Fertigstellung verstorben war und sich somit nicht mehr an seinem Sommersitz erfreuen konnte, zählt Lindstedt nicht zur ersten Garde der preußischen Schlösser. Es ruht vielmehr im Schatten größerer Bekanntheiten.
Ein ähnlich lautendes Urteil ließe sich ebenso über eine frühere Bewohnerin des Hauses fällen. Erika von Falkenhayns Vater hatte am Ende des 19. Jahrhunderts das kleine Schloss gepachtet, worin die Familie bis 1945 wohnhaft blieb. Deren Oberhaupt, Erich von Falkenhayn, durchlief die Militärlaufbahn in Preußen, verdingte sich unter anderem als Militärberater in China, um danach im Kaiserreich eine Beförderung nach der anderen mitzunehmen. Als preußischer Kriegsminister und Chef des Generalstabes war Falkenhayn schließlich eine Schlüsselfigur des Ersten Weltkrieges, bevor er 1922 im Schloss Lindstedt verstarb. Vier Jahre darauf heiratete seine Tochter in der Bornstedter Kirche mit dem späteren Generalmajor und Widerstandskämpfer Henning von Tresckow wiederum eine der bekanntesten deutschen Persönlichkeiten, die im Laufe des Zweiten Weltkrieges eine Rolle spielten.
Erika von Tresckow starb 1974. Während ihr Vater und ihr Mann bis heute im kollektiven historischen Gedächtnis fest verankert sind, ist über ihr Leben und Schicksal erstaunlich wenig bekannt. Als hätte man auch sie übersehen.

 

 

 

Gedenktafel für Günther Brandt, Foto: Marc Banditt

Woche 12

 

Burgstraße 32
Aktenzeichen: M.31.2/1867

 

Anno 1941: Der schwer am Kopf verletzte Soldat Günther Brandt wird von den Kämpfen an der Ostfront nach Berlin-Tempelhof ins Lazarett gebracht. Nicht weniger als drei Jahre währt am Ende die Phase der Rekonvaleszenz, in der der Verletzte kaum fähig ist, zu sprechen. Wieder genesen kehrt Brandt zurück nach Potsdam, an jenen Ort, wo er 1939 kurz nach seiner Ordination als Pfarrer der Heilig-Geist-Gemeinde eingesetzt worden ist, bevor ihn der Einzugsbefehl von der Wehrmacht erreicht. 1944 erfolgt für den „heimatverwendungsfähigen“ Mann der Kirche die Ernennung zum „Gräberoffizier“. Dem WGO obliegt nun die Aufgabe, jene Grabstätten zu registrieren, in denen feindliche Soldaten auf deutschem Boden ihre letzte Ruhestätte erhalten. Zusätzlich soll er ausgebombte und vor den Kriegshandlungen fliehende Personen mit Lebensmittelkarten, Papieren und Wohnungen ausstatten. Was die Kommandantur mit dieser Order nicht im Sinn hatte: Fortwährend nutzt der Geistliche seine Stellung und Zugangsmöglichkeiten, um jüdischen Mitbürgern zu helfen, die im vorletzten Kriegsjahr noch illegal in der Stadt wohnten. Brandt stellt gefälschte Beglaubigungen aus, warnt gefährdete Menschen vor polizeilichen Hausdurchsuchungen, bietet zusammen mit seiner Frau Schutz Suchenden ein Obdach und nimmt ein junges Mädchen als Hausgehilfin auf, um sie vor der Verfolgung zu retten. Nach dem Krieg engagiert er sich als Studentenpfarrer in Potsdam, gerät aber bald in den Fokus der Staatssicherheit. Nur wenige Wochen vor dem Volksaufstand 1953 wird Brandt in die Untersuchungshaftanstalt in der Lindenstraße eingewiesen. Nach seiner Freilassung kehrt er der DDR Richtung West-Berlin den Rücken.

Günther Brandt lebte vom 24. März 1912 bis zum 7. Mai 1986. Er gehört seit 1980 zu den „Gerechten unter den Völkern“, eine Auszeichnung, die bis heute nur etwas mehr als 600 Deutschen zuteilwurde. Die Gedenkstätte Yad Vashem listet ihn unter der oben aufgeführten Nummer – eine Chiffre, hinter der jedoch viele weitere Schicksale stehen.

 

 

 

Gedenkstein für Kaiser Wilhelm I., Foto: Marc Banditt

Woche 11

 

Werdersteig im Wildpark
Auf der Fährte des Kaisers

 

Die Flut der ihm zu Ehren in Stein gehauenen Devotionalien ist unverkennbar mit einem Ereignis verkettet, das 150 Jahre zurückliegt: Kaiser Wilhelm I. stand an der Spitze des 1871 gegründeten Deutschen Reiches, weshalb in den darauf folgenden Dekaden zahlreiche Denkmäler, Reiterstandbilder, Kaiser-Wilhelm-Türme, Wilhelmsburgen usw. errichtet worden sind, zum Teil sogar in überdimensionaler Ausführung. Man denke hierbei etwa an das Kyffhäuserdenkmal, an das Deutsche Eck in Koblenz, an Porta Westfalica oder an die Schloßfreiheit in Berlin. Summa summarum sollen einst insgesamt über 400 Monumente existiert haben, die dem Staatsoberhaupt direkt gewidmet waren; Konkurrenz in dieser Sparte macht ihm hierzulande nur „sein“ tonangebender Kanzler Otto von Bismarck. Entsprechende Würdigungen für den Monarchen im öffentlichen Raum durften freilich in Potsdam ebenso nicht fehlen. So war er hoch zu Ross sitzend seit 1901 für alle sichtbar, die die Lange Brücke passierten, welche von diesem Jahr an bis 1935 seinen Namen trug. Der 1797 geborene Wilhelm erlebte als Kind die verheerenden Niederlagen Preußens gegen Napoleon und den frühen Tod seiner berühmten Mutter Luise. Verspottet als „Kartätschenprinz“ musste er im Zuge der Märzrevolution ins Exil nach London gehen. Zehn Jahre später übernahm er faktisch die Regierungsgeschäfte für seinen erkrankten Bruder. Die Annahme des Titels „Deutscher Kaiser“ widerstrebte ihm zutiefst. Daneben wurde er zur Zielscheibe von einem halben Dutzend versuchter politischer Attentate. Bis heute bleibt seine Rolle als personifizierter Innbegriff des reaktionären Preußens umstritten. Aus dem Potsdamer Stadtbild sind jedenfalls die Spuren des Gedenkens an Wilhelm I. (inklusive der Reiterstatue) nach dem politischen Umbruch von 1945 weitgehend getilgt worden. Fernab der Innenstadt ist jedoch eine bescheidene Erinnerungsstätte geblieben, in der sich gleichsam Tradition und Habitus der preußischen Regentschaft widerspiegeln. Denn die Pirschheide, wo 1842 die Arbeiten zur Anlegung eines königlichen Wildparks begannen, blieb bis zum Ende der Monarchie ein beliebtes Jagdrevier der Herrscher aus dem Haus der Hohenzollern – und die weißen Paarhufer dabei eine begehrte Beute. Auch für den damals 87-jährigen Deutschen Kaiser Wilhelm I.

 

 

Tafel für Hans Grodotzki am Olympischen Weg

Woche 10

 

„Walk of Fame“ am Olympischen Weg

Zweiter auf der Bahn in Rom – Erster auf dem Boulevard in Potsdam

 

Das Stadio Olimpico in Rom am 2. September 1960, kurz nach 17.00 Uhr: Die Athleten auf der Bahn wähnen sich bereit, gleich den Sieger über 5.000 Meter (Herren) bei den Olympischen Sommerspielen zu ermitteln. In dem zwölfköpfigen Feld befinden sich auch drei Deutsche, die allesamt ihre Vorläufe für sich entscheiden konnten. Das geteilte Land ging damals zum vorletzten Mal mit einer gemeinsamen Mannschaft an den Start, als Hymne für alle erklang dabei „Freude schöner Götterfunken“ aus dem finalen Satz der 9. Symphonie Beethovens. Eine gute Viertelstunde später sind die Läufer noch eng bei einander, bevor Murray Halberg drei Runden vor Schluss entscheidend das Tempo verschärft und den anderen davoneilt. Zu den ärgsten Verfolgern des an der Spitze liegenden Neuseeländers gehört Hans Grodotzki mit der Startnummer 277. Der passionierte Fußballer kam 1958 nach Potsdam und drehte hier auf dem Gelände des Luftschiffhafens seine Trainingsrunden. Schritt um Schritt kommt Grodotzki auf den letzten 400 Metern an den Führenden heran. Für den späteren Sportoffizier sollte es die erste und – verletzungsbedingt – letzte Teilnahme an einer Olympiade sein. Schließlich kann Murray seinen schmelzenden Vorsprung über die Ziellinie retten, Grodotzki wird mit knapp 1 ¼ Sekunden Verzug Zweiter. Sechs Tage darauf sehen sich beide wieder, dieses Mal über die doppelte Distanz. Am Ende hat Murray über zehn Sekunden Rückstand auf den Deutschen, der jedoch Pjotr Bolotnikow aus der Sowjetunion bei der Siegerehrung den Vortritt auf das oberste Treppchen lassen muss. Hans Grodotzki landet erneut auf dem zweiten Platz, gewinnt Silber und bricht mit 28:37,0 Minuten (ein weiteres Mal) den Deutschen Rekord. Bis heute bleibt dies die einzige olympische Medaille, die Deutschlands LäuferInnen über die Strecke von 10.000 Metern mit nach Hause gebracht haben. Sehr geehrter Herr Grodotzki, wir gratulieren Ihnen – doppelt und aus aktuellem Anlass!

 

 

 

Gedenktafel für Adolf Damaschke, Foto: Marc Banditt

Woche 9

 

Ecke Heinrich-Mann-Allee / Waldstraße

Mit Grund und Boden

 

Wenn man über eine bekannte Suchmaschine im Internet den Begriff „Bodenreform“ eingibt, dann verweisen acht der ersten zehn Ergebnisse auf die Geschichte der SBZ/DDR. Schnell kommen uns Wörter wie Enteignung, Zwangskollektivierung oder Rückübertragung in den Sinn und es hat den Anschein, als wäre der Suchbegriff nicht ganz zu Unrecht mit negativen Assoziationen aufgeladen. Dabei gerät etwas aus dem Blick, dass die Idee freilich schon länger existiert und früher diskutiert worden ist. An der Spitze dieser am Ausgang des 19. Jahrhunderts aufkommenden Bewegung stand Adolf Damaschke. Groß geworden im Berliner Mietskasernenmilieu war sein Leben geprägt vom Aufbegehren gegen die sozialen Mißstände der Zeit. Als Vorsitzender des Bundes Deutscher Bodenreformer hatte er unter anderem maßgeblichen Anteil an der Gründung der „Siedlung Eigenheim“ zu Beginn der 1920er-Jahre in der Teltower Vorstadt. Den einfachen Leuten wollte man hier die Möglichkeit geben, die eigenen vier Wände auf einem relativ günstig erworbenen Grundstück hochzuziehen. Die Stadt hatte dazu ein rund 40 ha großes Areal am Rande des kleines Ravensberges von den Forstbetrieben gekauft und direkt an den Bund weiterveräußert, der die 273 Parzellen an die glücklichen Antragssteller per Losverfahren verteilte. Nicht nur die Häuser entstanden in Eigenleistung, auch die Errichtung der Wasser- und Stromleitungen nahmen die „Kolonisten“ selbst in die Hand. Die rund 1.300 m² großen einzelnen Liegenschaften erlaubten den Anbau von Obst und Gemüse sowie die Haltung von Kleinvieh, zudem fanden vormals mehrere Geschäfte und Einrichtungen des täglichen Bedarfs in den Wohnhäusern Platz. Die am Eingang der einst quasi autarken Siedlung stehende Linde soll der Wegbereiter zuerst selbst gepflanzt haben. Und auch die Bank gleich daneben, die an seinen 60. Geburtstag erinnert, weihte Damaschke noch persönlich ein.

 

"Katzensäule", Foto: Marc Banditt

Woche 8

 

Ecke Bornstedter Straße / Voltaireweg

Bloß kein Katzenjammer

 

Kurz nach der Fertigstellung des Schlosses Sanssouci ließ Friedrich II. auf der davon nördlich gelegenen Anhöhe ein riesiges Rundbecken anlegen. Der königliche Bauherr hatte nämlich Gefallen an der erquickenden Vision gefunden, seinen Schlossgarten mit allerlei Wasserspielereien zu bereichern. Einige Jahrzehnte, viele Mühen und etliche tausend Taler später musste sich seine Majestät aber eingestehen, dass das Projekt gescheitert war. Nun hat der Ruinenberg seinen Namen nicht aufgrund dieses technischen Fiaskos erhalten, sondern wegen der künstlichen Ruinen rund um das Wasserreservoir, die einen Bezug zur Antike herstellen sollten. Solch eine architektonische Symbolik war im 18. Jahrhundert der letzte Schrei und auch der schönen Aussicht wegen lohnt es, den 74 m hohen „Gipfel“ zu besteigen. Vom Ehrenhof des Rokoko-Schlosses ist es nicht weit bis zu einer stets frequentierten Kreuzung, wo man nach links in die Bornstedter Straße abbiegt. Dem Verlauf der um 1842 angelegten Chaussee folgend, zwingt nach nur wenigen Metern den aufmerksamen Betrachter rechter Hand eine Lennésche Prägung zum Anhalten: Eine unscheinbare Säule mit korinthischem Kapitell, auf der ein goldener Pokal von drei Pantherköpfen gehalten wird. Die um 1850 errichtete „Katzensäule“ soll angeblich einst als Markierung jener Stelle gedient haben, wo Potsdams Verwaltungsbereich endete. Das mag einleuchtend klingen, aber welche ikonografische Bedeutung haben nun diese drei Wildkatzen – stehen sie sinnbildlich für Mut, für Kraft, für Macht oder für etwas ganz anderes? Tja, das ist ein ziemlich kniffliges Rätsel, wofür sich nicht ohne Weiteres eine handfeste Lösung finden lässt. So ähnlich muss sich auch der Alte Fritz gefühlt haben, als er hier an gleicher Stelle – auf den Ruinenberg schauend – stand und sich dabei sein königliches Haupt über seine Wasserleitungen zermarterte.

 

 

Gedenktafel für Emilie Winkelmann

Woche 7

 

Hermann-Maaß-Straße 18/20

Modernes Bauen


Ich suche für mich: eine kleine Wohnung (ein bis drei Zimmer wären ausreichend) mit Küchenzeile, Zentralheizung, einer beheizbaren Loggia, elektrischer Beleuchtung, Toilette – wenn möglich, gerne auch ein eigenes Badezimmer. Aus diesem Inserat würde noch heute der Wunsch nach einer geschmackvollen, attraktiven Herberge in Wohlfühlatmosphäre sprechen. Die Idee dahinter stammt aber aus einer Zeit, als der Kaiser noch das Zepter schwang und man Babelsberg noch als Nowawes kannte, welches an Potsdam grenzte. Noch einen guten Steinwurf davon entfernt – nämlich am Rande vom damaligen Neubabelsberg – war für das „Haus in der Sonne“ ein geeigneter Platz gefunden. Inspiriert vom gleichnamigen Roman des schwedischen Künstlers Carl Larsson aus dem Jahr 1909 entstand ein Gebäude mit insgesamt 14 Wohnungen für alleinstehende und ehemals berufstätige Frauen, die hier ihren Ruhestand genießen durften. Im Auftrag der „Genossenschaft für Frauenheimstätten“ arbeitete ab 1913 eine gewisse Emilie Winkelmann (1875–1951) die Entwürfe für den Bau aus. Geboren in Aken an der Elbe erlernte sie schon früh ihr Handwerk und verfeinerte dies durch Beschäftigungen in verschiedenen Architekturbüros. Mit einem scheinbar simplen, jedoch notwendigen Kniff erreichte die junge Frau 1902 die Zulassung zum Studium an der Technischen Hochschule in Hannover, indem sie ihr Gesuch lediglich mit „E. Winkelmann“ signierte. Vier Jahre darauf ließen die Herren in Preußen dann keine weitere Ausnahme zu: Der Zugang zum Staatsexamen blieb ihr verwehrt. Was folgte, war der Gang nach Berlin, wo sie schließlich ihr eigenes Büro eröffnete – als erste selbstständige Architektin Deutschlands. Es waren vor allem Villen und Landhäuser, mit denen Winkelmann ihren guten Ruf zementierte, nachdem sie das Fundament dafür mit einem gewonnenen Architekturwettbewerb 1907 in der Hauptstadt gelegt hatte. Später konnte sie aufgrund gesundheitlicher Probleme, einer für die Architektin unbefriedigenden Auftragslage und des aufkommenden Bauhausstils nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen. Ebenfalls mussten die Arbeiten am „Haus in der Sonne“ zwischenzeitlich ruhen. Ohne ihr Zutun ging es dort 1928 weiter – in dem selben Jahr als Emilie Winkelmann in den Bund Deutscher Architekten aufgenommen wurde.

 

 

Gedenktafel für Clara Hoffbauer, Foto: Marc Banditt

Woche 6

 

Inselkirche Hermannswerder

Warum eigentlich nicht Claraswerder?

 

Clara Ottilie Alexandrine Emilie Becker kam am 30. April 1830 zur Welt und wuchs mit ihren sieben Geschwistern in Berlin als Tochter eines Kommerzienrates auf. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen, der mit ihrem Bruder Emil 1856 in Berlin-Kreuzberg eine florierende Teppichfabrik gründete.Das Ehepaar führte ein finanziell sorgenfreies Leben, 1870 kauften beide ein Haus in Potsdam, in dem mitunter Theodor Fontane und Ernst von Bergmann verkehrten. Im Zeitalter der Industrialisierung verschärften sich aber auch sichtbar die sozialen Gegensätze im Land, vor der die selbst- und verantwortungsbewusste Frau nicht die Augen verschloss und die in ihr das Bedürfnis wachsen ließen, ihren Mitmenschen zu helfen. In diesem Sinne begründete ihr Mann im Jahr 1873 eine Kranken- und Unterstützungskasse für die Angestellten der Firma; außerdem setzte sich das kinderlose Ehepaar das Ziel, eine gemeinnützige Stiftung ins Leben zu rufen, die nach dem Ableben der beiden realisiert werden sollte. Der frühe Tod ihres Gatten 1884 führte jedoch zu einem Umdenken. Die junge Witwe erwarb in der Folge ein ca. 40 Hektar großes Areal südöstlich der Halbinsel Tornow, wo dann 1891 der erste Spatenstich gesetzt wurde zur Umsetzung des Stiftungsgedankens, elternlosen Mädchen eine Stätte für deren Erziehung und Bildung zu ermöglichen sowie die Pflege alter und kranker Menschen. 1901 erfolgte schließlich die offizielle Einweihung der vom evangelischen Glauben inspirierten Stiftung. Zu den ersten bis dahin errichteten Gebäuden kamen im Laufe der Zeit noch viele weitere hinzu, auch das 1911 eröffnete gotische Gotteshaus für die eigenständige Kirchengemeinde. Die Fertigstellung dieses Baus erlebte Clara Hoffbauer nicht mehr, sie war zwei Jahre zuvor verstorben. Noch zu Lebzeiten hatte sie die Stiftung mit einem beträchtlichen Vermögen ausgestattet und veranlasst, dass die Insel nach dem verstorbenen Gatten umbenannt wird – Hermannswerder. Das kleine Eiland am Templiner See hätte aber auch ihren Namen verdient gehabt.

 

 

Relief an der "Schauspielerkaserne", Foto: Marc Banditt

Woche 5

 

Posthofstraße 17

Kasernierte Künstler

 

„Potsdam ist ein angenehmer und schön gebauter Ort, aber man mag in eine Straße hinkommen, wo man will, so erscheint die ganze Stadt wie eine Caserne“.1  Der eine oder andere durchreisende Besucher konnte sich damals einen kleinen literarischen Seitenhieb auf die Schar der hier einquartierten Soldaten nicht verkneifen. Das alte Potsdam war nicht weniger Residenz als Garnison, es wurde zelebriert und exerziert. Etwas mehr Kunst für den gemeinen Bürger erhielt mit der Fertigstellung des Königlichen Schauspielhauses im Jahr 1795 Einzug; die klassizistische „Kanaloper“ an der heutigen Berliner Straße war von Friedrich Wilhelm II. gezielt als ein öffentliches Theater in Auftrag gegeben worden. Bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg fanden dort Darbietungen statt, der bekanntlich auch Friedrich Schiller während seines kurzen Aufenthaltes an der Havel einmal als Gast beiwohnte. Die Reste der Ruine trug man letztendlich erst 1966 ab. Existent ist dagegen noch das auf der Rückseite des Grundstücks angegliederte Logierhaus, das als Unterkunft für die Darsteller diente. Denn noch im ausgehenden 18. Jahrhundert nahm eine Kutschfahrt von Potsdam nach Berlin gefühlt einen halben Tag in Anspruch. Hinzu kam, dass die Vorstellungen in der Regel bis spät in den Abend andauerten und nicht selten tags darauf erneut aufgeführt wurden. Über dem Eingang der etwa 60 Zimmer umfassenden Herberge erinnert noch heute ein von Johann Gottfried Schadow konzipiertes Relief an die musisch begabten Gäste: Vor dem Altar Apollos stellen sich Szenen dar, die auf der einen Seite die Tragödie und auf der anderen Seite die Komödie erkennen lassen. Eine passende Betitelung des Hauses durch den Volksmund hat im Übrigen nicht lange auf sich warten lassen – es ist natürlich die „Schauspielerkaserne“…

 

 

1)  Freymüthige Bemerkungen über Hamburg, Berlin, Potsdam, Wien, Sondershausen und Gotha, etc. Auch etwas über Aufklärung und Arzneykunde, [o. O.] 1793, S. 127.

 

Peter Rohn: Adam und Eva, Foto: Marc Banditt

Woche 4

 

Zeppelinstraße 164 B

Ein Stück Paradies


Das Wort Paradies lässt Kenner der Potsdamer Historie natürlich schnell an Johann Moritz von Nassau-Siegen denken, der in den 1660er-Jahren eine poetische Vorstellung davon hatte, was aus dem märkischen „Eylandt“ werden müsse. 300 Jahre später ist diese Insel um ein kleines, aber wegweisendes Stück vergrößert worden. Die Zuschüttung des nördlichen Teils der Neustädter Havelbucht folgte pragmatischen Maximen, konnte dadurch die Breite Straße endlich mit der Zeppelinstraße verbunden werden. Von dieser verkehrsreichen Kreuzung geht man nur wenige hundert Meter Richtung stadtauswärts und biegt bei der ersten Querstraße links ab, bevor man nach einigen Schritten ein rund 300 m² großes Wandmosaik passiert. Vollendet wurde es 1981 vom Maler und Grafiker Peter Rohn, auf den zahlreiche Darstellungen im öffentlichen Raum von Potsdam zurückgehen. Und was, oder besser gefragt wer, ist nun an dieser Hauswand zu erkennen? Es handelt sich in der Tat um keine Geringeren als Adam und Eva! Ein durchaus gewagtes Motiv für ein Bauwerk realsozialistischer Prägung. Die Suche nach der Schlange und nach dem Apfel erweist sich letztlich aber als vergeblich. Dennoch – oder gerade trotzdem – enthält das Bild vielfältige Symboliken und Andeutungen, die zum Nachdenken über den Menschen und seine Ursprünge anregen. Was wohl der Herr von Nassau-Siegen dazu gesagt hätte?

 

 

 

 

Karl Liebknecht Golm/Eiche, Foto: Marc Banditt

Woche 3

 

Ecke Reiherbergstraße / Karl-Liebknecht-Straße
Als Karl und die Knechte zu Wahlsiegern wurden


12. Januar 1912: Das Unfassbare war eingetreten! Nach zwei missglückten Versuchen – 1903 und 1907 – hatte es Karl Liebknecht tatsächlich geschafft, den Wahlkreis Nr. 7 (Provinz Brandenburg – Regierungsbezirk Potsdam) für sich zu entscheiden. Ein Triumph im sogenannten Kaiserwahlkreis, der sich aus dem Osthavelland, Spandau und Potsdam zusammensetzte und eigentlich eine feste Bank der Konservativen war. Den Roten hingegen gelang damals ein Sieg auf ganzer Linie und Liebknecht selbst mit fast 25.000 erhaltenen Stimmen ein Husarenstreich mitten im Herzen der Hohenzollernmonarchie. Die Zeiten hatten sich also geändert, zumal es der letzte landesweite Gang zur Urne im Deutschen Kaiserreich sein sollte.
Nach seinem Eintritt in die Sozialdemokratische Partei (1900) war Liebknecht in der märkischen Residenzstadt sehr umtriebig gewesen, wo er bis heute einige Spuren hinterlassen hat. Zahlreiche Kundgebungen, Partei- und Wahlkampfveranstaltungen hatte der in Leipzig geborene Rechtsanwalt auf sich genommen, so auch am 31. Juli 1910 in Golm. Dort sprach er gegen das Dreiklassenwahlrecht – eine schwere Hypothek für die Herausbildung demokratischer Strukturen in Preußen.
Noch mehr als die Inschrift des Denkmals verrät uns die Chronik des Potsdamer Ortsteils über seinen Auftritt: „Liebknecht fand in Golm aufmerksame Zuhörer und große Zustimmung. […] Als [er], aus Potsdam kommend, hier eintraf, hatten sich schon ca. 50 Personen […] eingefunden. Er sprach etwa eine Stunde zu seinen Golmer Anhängern und unterhielt sich anschließend noch in kleinem Kreis“.1  Nun, wenn das so stimmt, scheint sich der Aufwand für den Wahlkämpfer am Ende ja gelohnt zu haben…   

 


1) 700 Jahre Golm. Ein Streifzug durch die Geschichte des märkischen Dorfes am Reiherberg, hg. vom Rat der Gemeinde Golm, Golm 1989, S. 68.

 

 

 

 

 

 

Karl Heinrich Schäfer, Foto: Marc Banditt

Woche 2

 

Meistersingerstraße 2
Im Glauben (und) gegen das Verbrechen
 
Karl Heinrich Schäfer hatte schon viel gesehen und noch mehr erlebt, bevor es ihn zu Beginn der 1920er-Jahre nach Potsdam verschlug.
Geboren 1871 im hessischen Wetter studierte der aus einfachen Verhältnissen kommende Schäfer evangelische Theologie in Greifswald, Erlangen und Marburg. Berlin, Kassel, Tübingen und Köln waren weitere Lebensstationen des mittlerweile promovierten Historikers. In der Rheinmetropole erhielt sein Leben eine entscheidende Weichenstellung: Der Übertritt zum Katholizismus 1902 führte prompt zum Verlust seiner Stelle am dortigen Stadtarchiv. Nur kurze Zeit später fand sich Schäfer in Rom wieder als Stipendiat der Görres-Gesellschaft, bis der Ausbruch des Ersten Weltkrieges seine Arbeit am Tiber beendete. Zwangsweise musste er den Campo Santo verlassen – jenen Ort, wo während der Christenverfolgung zahlreiche Martyrer starben – um mit eigenen Augen das Grauen der Moderne in Verdun zu sehen.
Nach dem Krieg ist er schließlich sesshaft in Potsdam geworden und beschäftigte sich ausgiebig mit der mittelalterlichen Kirchengeschichte Brandenburgs. Der Archivrat am neu gegründeten Reichsarchiv auf dem Brauhausberg musste sich unter seinen zahlreichen Kollegen aus dem Offizierskorps als Außenseiter fühlen. Mit nicht weniger Argwohn betrachtete Schäfer die an die Macht gekommenen Braunhemden, was auf Gegenseitigkeit beruhte – nach einer Denunziation folgte 1934 seine Versetzung in den Ruhestand. Er blieb ungebrochen und sein Haus in der Brandenburger Vorstadt ein geistiges Refugium für Gleichgesinnte. Zum Verhängnis wurde für ihn das Hören englischer Radiosender in Kriegszeiten; denunziert von der eigenen Hausangestellten geriet der Verratene in Haft, die er nicht überleben sollte.
Im Jahr 1999 ist Dr. Karl Heinrich Schäfer als Glaubenszeuge in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden.
 
 
 
 
 
 
Grad Yorck von Wartenburg, Foto: Marc Banditt

Woche 1

 

Ecke Burgstraße / Joliot-Curie-Straße
Ein unehelicher Volksheld im Potsdamer Straßenwirrwarr

 

Als Carl Christian Horvath „Potsdam’s Merkwürdigkeiten“ verfasste, widmete er der alten Schusterstraße, die „lauter neue Häuser von zwey Geschossen“1  hat, nicht mehr als zwei Zeilen. Ob der Name Johann David Ludwig von Yorck dem Publizisten und Buchhändler am Ausgang des 18. Jahrhunderts schon geläufig war, mag bezweifelt werden, zumal jener bis dato in seiner militärischen Laufbahn eher unangenehm aufgefallen war. Das Vergehen: Insubordination.
Mehrere Jahre später sollte der mittlerweile rehabilitierte und mehrfach beförderte Yorck abermals seine Vorgesetzten missachten. Für ihn hatte sein Handeln (Genaueres verrät die Inschrift der Gedenktafel) dieses Mal jedoch nicht eine einjährige Festungshaft – wie noch im Jahr 1780 – zur Folge, sondern die Erlangung des Heldenstatus. Dem Initiator des Freiheitskrieges gegen Napoleon wurden seitdem nicht allein Denkmäler in verschiedenen Städten gesetzt, auch Kriegsschiffe und Kasernen sind nach ihm benannt worden, Beethoven widmete Yorck einen Militärmarsch, die Ufa drehte 1931 ihm zu Ehren einen ganzen Film.
In seiner Geburtsstadt Potsdam trugen bis heute gleich drei Straßen seinen Namen: jene entlang des westlichen Teils des Kanals (seit 1962), die heutige Kopernikusstraße in Babelsberg (von 1905 bis 1945) und zwischen 1864 und 1945 schließlich die kleine Straße in der Potsdamer Altstadt mit dem Yorckschen Geburtshaus, das am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde. Die Schusterstraße (von 1945 bis 1964 Novalisstraße) ist ebenso nicht mehr existent im Stadtgrundriss. Dort kam der spätere preußische Generalfeldmarschall am 26. September 1759 zur Welt, als unehelicher Sohn des Offiziers David Jonathan von Yorck und Maria Sophia Pflug, der Tochter eines Handwerkers. Und richtig, es stimmt, es gab früher auch eine Pflugstraße in Potsdam…

 

1)  Carl Christian Horvath, Potsdam’s Merkwürdigkeiten, beschrieben, und durch Plans und Prospekte erläutert, Potsdam 1798, S. 78.