Bürgermuseum Wolfenbüttel, Foto: Reimann
Brecht-Weigel-Haus Buckow, Foto: Reimann
Schloss Wolfenbüttel, Foto: Reimann
Offene Gärten, Bornim
 
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Der historische Abstecher der Woche

Nur zu gerne möchten wir Sie wieder auf unseren Exkursionen und Führungen begrüßen, aber leider müssen wir uns dafür weiter in Geduld üben. Doch obwohl der Puls der Zeit momentan langsamer schlägt und unsere Bewegungen einen kleineren Radius umfassen, möchten wir gemeinsam mit Ihnen unterwegs sein.

Potsdam ist reich an Geschichte und Geschichten, die noch heute an den Bauwerken haften oder sich hinter ihren Fassaden verbergen. Hier gibt es zahlreiche Sehenswürdigkeiten von Rang, aber gleichzeitig auch viele vergessene Orte und tote Winkel der Erinnerung, um die es uns geht: Plätze, die abseits der beliebten Fußwege liegen, Denkmäler, die langsam einstauben, sowie historische Relikte, die man in der Hektik des Alltags oft übersieht. Jetzt nehmen wir uns die Zeit dafür.

Vielleicht gibt es für Sie noch etwas bisher Unbekanntes zu entdecken. Eventuell findet sich eine Stelle, an der Sie schon lange nicht mehr waren. Oder Sie möchten einfach ein wenig Abwechslung genießen. Denn hin und wieder lohnt es sich durchaus, beim Spazieren mal eine Querstraße früher als sonst abzubiegen, um später etwas Neues zu erfahren.

 

Ich lade Sie herzlich ein, mich dabei zu begleiten!

 

Dr. Marc Banditt

 

Gedenktafel für Günther Brandt, Foto: Marc Banditt

Woche 12

 

Burgstraße 32
Aktenzeichen: M.31.2/1867

 

Anno 1941: Der schwer am Kopf verletzte Soldat Günther Brandt wird von den Kämpfen an der Ostfront nach Berlin-Tempelhof ins Lazarett gebracht. Nicht weniger als drei Jahre währt am Ende die Phase der Rekonvaleszenz, in der der Verletzte kaum fähig ist, zu sprechen. Wieder genesen kehrt Brandt zurück nach Potsdam, an jenen Ort, wo er 1939 kurz nach seiner Ordination als Pfarrer der Heilig-Geist-Gemeinde eingesetzt worden ist, bevor ihn der Einzugsbefehl von der Wehrmacht erreicht. 1944 erfolgt für den „heimatverwendungsfähigen“ Mann der Kirche die Ernennung zum „Gräberoffizier“. Dem WGO obliegt nun die Aufgabe, jene Grabstätten zu registrieren, in denen feindliche Soldaten auf deutschem Boden ihre letzte Ruhestätte erhalten. Zusätzlich soll er ausgebombte und vor den Kriegshandlungen fliehende Personen mit Lebensmittelkarten, Papieren und Wohnungen ausstatten. Was die Kommandantur mit dieser Order nicht im Sinn hatte: Fortwährend nutzt der Geistliche seine Stellung und Zugangsmöglichkeiten, um jüdischen Mitbürgern zu helfen, die im vorletzten Kriegsjahr noch illegal in der Stadt wohnten. Brandt stellt gefälschte Beglaubigungen aus, warnt gefährdete Menschen vor polizeilichen Hausdurchsuchungen, bietet zusammen mit seiner Frau Schutz Suchenden ein Obdach und nimmt ein junges Mädchen als Hausgehilfin auf, um sie vor der Verfolgung zu retten. Nach dem Krieg engagiert er sich als Studentenpfarrer in Potsdam, gerät aber bald in den Fokus der Staatssicherheit. Nur wenige Wochen vor dem Volksaufstand 1953 wird Brandt in die Untersuchungshaftanstalt in der Lindenstraße eingewiesen. Nach seiner Freilassung kehrt er der DDR Richtung West-Berlin den Rücken.

Günther Brandt lebte vom 24. März 1912 bis zum 7. Mai 1986. Er gehört seit 1980 zu den „Gerechten unter den Völkern“, eine Auszeichnung, die bis heute nur etwas mehr als 600 Deutschen zuteilwurde. Die Gedenkstätte Yad Vashem listet ihn unter der oben aufgeführten Nummer – eine Chiffre, hinter der jedoch viele weitere Schicksale stehen.

 

 

 

Gedenkstein für Kaiser Wilhelm I., Foto: Marc Banditt

Woche 11

 

Werdersteig im Wildpark
Auf der Fährte des Kaisers

 

Die Flut der ihm zu Ehren in Stein gehauenen Devotionalien ist unverkennbar mit einem Ereignis verkettet, das 150 Jahre zurückliegt: Kaiser Wilhelm I. stand an der Spitze des 1871 gegründeten Deutschen Reiches, weshalb in den darauf folgenden Dekaden zahlreiche Denkmäler, Reiterstandbilder, Kaiser-Wilhelm-Türme, Wilhelmsburgen usw. errichtet worden sind, zum Teil sogar in überdimensionaler Ausführung. Man denke hierbei etwa an das Kyffhäuserdenkmal, an das Deutsche Eck in Koblenz, an Porta Westfalica oder an die Schloßfreiheit in Berlin. Summa summarum sollen einst insgesamt über 400 Monumente existiert haben, die dem Staatsoberhaupt direkt gewidmet waren; Konkurrenz in dieser Sparte macht ihm hierzulande nur „sein“ tonangebender Kanzler Otto von Bismarck. Entsprechende Würdigungen für den Monarchen im öffentlichen Raum durften freilich in Potsdam ebenso nicht fehlen. So war er hoch zu Ross sitzend seit 1901 für alle sichtbar, die die Lange Brücke passierten, welche von diesem Jahr an bis 1935 seinen Namen trug. Der 1797 geborene Wilhelm erlebte als Kind die verheerenden Niederlagen Preußens gegen Napoleon und den frühen Tod seiner berühmten Mutter Luise. Verspottet als „Kartätschenprinz“ musste er im Zuge der Märzrevolution ins Exil nach London gehen. Zehn Jahre später übernahm er faktisch die Regierungsgeschäfte für seinen erkrankten Bruder. Die Annahme des Titels „Deutscher Kaiser“ widerstrebte ihm zutiefst. Daneben wurde er zur Zielscheibe von einem halben Dutzend versuchter politischer Attentate. Bis heute bleibt seine Rolle als personifizierter Innbegriff des reaktionären Preußens umstritten. Aus dem Potsdamer Stadtbild sind jedenfalls die Spuren des Gedenkens an Wilhelm I. (inklusive der Reiterstatue) nach dem politischen Umbruch von 1945 weitgehend getilgt worden. Fernab der Innenstadt ist jedoch eine bescheidene Erinnerungsstätte geblieben, in der sich gleichsam Tradition und Habitus der preußischen Regentschaft widerspiegeln. Denn die Pirschheide, wo 1842 die Arbeiten zur Anlegung eines königlichen Wildparks begannen, blieb bis zum Ende der Monarchie ein beliebtes Jagdrevier der Herrscher aus dem Haus der Hohenzollern – und die weißen Paarhufer dabei eine begehrte Beute. Auch für den damals 87-jährigen Deutschen Kaiser Wilhelm I.

 

 

Tafel für Hans Grodotzki am Olympischen Weg

Woche 10

 

„Walk of Fame“ am Olympischen Weg

Zweiter auf der Bahn in Rom – Erster auf dem Boulevard in Potsdam

 

Das Stadio Olimpico in Rom am 2. September 1960, kurz nach 17.00 Uhr: Die Athleten auf der Bahn wähnen sich bereit, gleich den Sieger über 5.000 Meter (Herren) bei den Olympischen Sommerspielen zu ermitteln. In dem zwölfköpfigen Feld befinden sich auch drei Deutsche, die allesamt ihre Vorläufe für sich entscheiden konnten. Das geteilte Land ging damals zum vorletzten Mal mit einer gemeinsamen Mannschaft an den Start, als Hymne für alle erklang dabei „Freude schöner Götterfunken“ aus dem finalen Satz der 9. Symphonie Beethovens. Eine gute Viertelstunde später sind die Läufer noch eng bei einander, bevor Murray Halberg drei Runden vor Schluss entscheidend das Tempo verschärft und den anderen davoneilt. Zu den ärgsten Verfolgern des an der Spitze liegenden Neuseeländers gehört Hans Grodotzki mit der Startnummer 277. Der passionierte Fußballer kam 1958 nach Potsdam und drehte hier auf dem Gelände des Luftschiffhafens seine Trainingsrunden. Schritt um Schritt kommt Grodotzki auf den letzten 400 Metern an den Führenden heran. Für den späteren Sportoffizier sollte es die erste und – verletzungsbedingt – letzte Teilnahme an einer Olympiade sein. Schließlich kann Murray seinen schmelzenden Vorsprung über die Ziellinie retten, Grodotzki wird mit knapp 1 ¼ Sekunden Verzug Zweiter. Sechs Tage darauf sehen sich beide wieder, dieses Mal über die doppelte Distanz. Am Ende hat Murray über zehn Sekunden Rückstand auf den Deutschen, der jedoch Pjotr Bolotnikow aus der Sowjetunion bei der Siegerehrung den Vortritt auf das oberste Treppchen lassen muss. Hans Grodotzki landet erneut auf dem zweiten Platz, gewinnt Silber und bricht mit 28:37,0 Minuten (ein weiteres Mal) den Deutschen Rekord. Bis heute bleibt dies die einzige olympische Medaille, die Deutschlands LäuferInnen über die Strecke von 10.000 Metern mit nach Hause gebracht haben. Sehr geehrter Herr Grodotzki, wir gratulieren Ihnen – doppelt und aus aktuellem Anlass!

 

 

 

Gedenktafel für Adolf Damaschke, Foto: Marc Banditt

Woche 9

 

Ecke Heinrich-Mann-Allee / Waldstraße

Mit Grund und Boden

 

Wenn man über eine bekannte Suchmaschine im Internet den Begriff „Bodenreform“ eingibt, dann verweisen acht der ersten zehn Ergebnisse auf die Geschichte der SBZ/DDR. Schnell kommen uns Wörter wie Enteignung, Zwangskollektivierung oder Rückübertragung in den Sinn und es hat den Anschein, als wäre der Suchbegriff nicht ganz zu Unrecht mit negativen Assoziationen aufgeladen. Dabei gerät etwas aus dem Blick, dass die Idee freilich schon länger existiert und früher diskutiert worden ist. An der Spitze dieser am Ausgang des 19. Jahrhunderts aufkommenden Bewegung stand Adolf Damaschke. Groß geworden im Berliner Mietskasernenmilieu war sein Leben geprägt vom Aufbegehren gegen die sozialen Mißstände der Zeit. Als Vorsitzender des Bundes Deutscher Bodenreformer hatte er unter anderem maßgeblichen Anteil an der Gründung der „Siedlung Eigenheim“ zu Beginn der 1920er-Jahre in der Teltower Vorstadt. Den einfachen Leuten wollte man hier die Möglichkeit geben, die eigenen vier Wände auf einem relativ günstig erworbenen Grundstück hochzuziehen. Die Stadt hatte dazu ein rund 40 ha großes Areal am Rande des kleines Ravensberges von den Forstbetrieben gekauft und direkt an den Bund weiterveräußert, der die 273 Parzellen an die glücklichen Antragssteller per Losverfahren verteilte. Nicht nur die Häuser entstanden in Eigenleistung, auch die Errichtung der Wasser- und Stromleitungen nahmen die „Kolonisten“ selbst in die Hand. Die rund 1.300 m² großen einzelnen Liegenschaften erlaubten den Anbau von Obst und Gemüse sowie die Haltung von Kleinvieh, zudem fanden vormals mehrere Geschäfte und Einrichtungen des täglichen Bedarfs in den Wohnhäusern Platz. Die am Eingang der einst quasi autarken Siedlung stehende Linde soll der Wegbereiter zuerst selbst gepflanzt haben. Und auch die Bank gleich daneben, die an seinen 60. Geburtstag erinnert, weihte Damaschke noch persönlich ein.

 

"Katzensäule", Foto: Marc Banditt

Woche 8

 

Ecke Bornstedter Straße / Voltaireweg

Bloß kein Katzenjammer

 

Kurz nach der Fertigstellung des Schlosses Sanssouci ließ Friedrich II. auf der davon nördlich gelegenen Anhöhe ein riesiges Rundbecken anlegen. Der königliche Bauherr hatte nämlich Gefallen an der erquickenden Vision gefunden, seinen Schlossgarten mit allerlei Wasserspielereien zu bereichern. Einige Jahrzehnte, viele Mühen und etliche tausend Taler später musste sich seine Majestät aber eingestehen, dass das Projekt gescheitert war. Nun hat der Ruinenberg seinen Namen nicht aufgrund dieses technischen Fiaskos erhalten, sondern wegen der künstlichen Ruinen rund um das Wasserreservoir, die einen Bezug zur Antike herstellen sollten. Solch eine architektonische Symbolik war im 18. Jahrhundert der letzte Schrei und auch der schönen Aussicht wegen lohnt es, den 74 m hohen „Gipfel“ zu besteigen. Vom Ehrenhof des Rokoko-Schlosses ist es nicht weit bis zu einer stets frequentierten Kreuzung, wo man nach links in die Bornstedter Straße abbiegt. Dem Verlauf der um 1842 angelegten Chaussee folgend, zwingt nach nur wenigen Metern den aufmerksamen Betrachter rechter Hand eine Lennésche Prägung zum Anhalten: Eine unscheinbare Säule mit korinthischem Kapitell, auf der ein goldener Pokal von drei Pantherköpfen gehalten wird. Die um 1850 errichtete „Katzensäule“ soll angeblich einst als Markierung jener Stelle gedient haben, wo Potsdams Verwaltungsbereich endete. Das mag einleuchtend klingen, aber welche ikonografische Bedeutung haben nun diese drei Wildkatzen – stehen sie sinnbildlich für Mut, für Kraft, für Macht oder für etwas ganz anderes? Tja, das ist ein ziemlich kniffliges Rätsel, wofür sich nicht ohne Weiteres eine handfeste Lösung finden lässt. So ähnlich muss sich auch der Alte Fritz gefühlt haben, als er hier an gleicher Stelle – auf den Ruinenberg schauend – stand und sich dabei sein königliches Haupt über seine Wasserleitungen zermarterte.

 

 

Gedenktafel für Emilie Winkelmann

Woche 7

 

Hermann-Maaß-Straße 18/20

Modernes Bauen


Ich suche für mich: eine kleine Wohnung (ein bis drei Zimmer wären ausreichend) mit Küchenzeile, Zentralheizung, einer beheizbaren Loggia, elektrischer Beleuchtung, Toilette – wenn möglich, gerne auch ein eigenes Badezimmer. Aus diesem Inserat würde noch heute der Wunsch nach einer geschmackvollen, attraktiven Herberge in Wohlfühlatmosphäre sprechen. Die Idee dahinter stammt aber aus einer Zeit, als der Kaiser noch das Zepter schwang und man Babelsberg noch als Nowawes kannte, welches an Potsdam grenzte. Noch einen guten Steinwurf davon entfernt – nämlich am Rande vom damaligen Neubabelsberg – war für das „Haus in der Sonne“ ein geeigneter Platz gefunden. Inspiriert vom gleichnamigen Roman des schwedischen Künstlers Carl Larsson aus dem Jahr 1909 entstand ein Gebäude mit insgesamt 14 Wohnungen für alleinstehende und ehemals berufstätige Frauen, die hier ihren Ruhestand genießen durften. Im Auftrag der „Genossenschaft für Frauenheimstätten“ arbeitete ab 1913 eine gewisse Emilie Winkelmann (1875–1951) die Entwürfe für den Bau aus. Geboren in Aken an der Elbe erlernte sie schon früh ihr Handwerk und verfeinerte dies durch Beschäftigungen in verschiedenen Architekturbüros. Mit einem scheinbar simplen, jedoch notwendigen Kniff erreichte die junge Frau 1902 die Zulassung zum Studium an der Technischen Hochschule in Hannover, indem sie ihr Gesuch lediglich mit „E. Winkelmann“ signierte. Vier Jahre darauf ließen die Herren in Preußen dann keine weitere Ausnahme zu: Der Zugang zum Staatsexamen blieb ihr verwehrt. Was folgte, war der Gang nach Berlin, wo sie schließlich ihr eigenes Büro eröffnete – als erste selbstständige Architektin Deutschlands. Es waren vor allem Villen und Landhäuser, mit denen Winkelmann ihren guten Ruf zementierte, nachdem sie das Fundament dafür mit einem gewonnenen Architekturwettbewerb 1907 in der Hauptstadt gelegt hatte. Später konnte sie aufgrund gesundheitlicher Probleme, einer für die Architektin unbefriedigenden Auftragslage und des aufkommenden Bauhausstils nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen. Ebenfalls mussten die Arbeiten am „Haus in der Sonne“ zwischenzeitlich ruhen. Ohne ihr Zutun ging es dort 1928 weiter – in dem selben Jahr als Emilie Winkelmann in den Bund Deutscher Architekten aufgenommen wurde.

 

 

Gedenktafel für Clara Hoffbauer, Foto: Marc Banditt

Woche 6

 

Inselkirche Hermannswerder

Warum eigentlich nicht Claraswerder?

 

Clara Ottilie Alexandrine Emilie Becker kam am 30. April 1830 zur Welt und wuchs mit ihren sieben Geschwistern in Berlin als Tochter eines Kommerzienrates auf. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen, der mit ihrem Bruder Emil 1856 in Berlin-Kreuzberg eine florierende Teppichfabrik gründete.Das Ehepaar führte ein finanziell sorgenfreies Leben, 1870 kauften beide ein Haus in Potsdam, in dem mitunter Theodor Fontane und Ernst von Bergmann verkehrten. Im Zeitalter der Industrialisierung verschärften sich aber auch sichtbar die sozialen Gegensätze im Land, vor der die selbst- und verantwortungsbewusste Frau nicht die Augen verschloss und die in ihr das Bedürfnis wachsen ließen, ihren Mitmenschen zu helfen. In diesem Sinne begründete ihr Mann im Jahr 1873 eine Kranken- und Unterstützungskasse für die Angestellten der Firma; außerdem setzte sich das kinderlose Ehepaar das Ziel, eine gemeinnützige Stiftung ins Leben zu rufen, die nach dem Ableben der beiden realisiert werden sollte. Der frühe Tod ihres Gatten 1884 führte jedoch zu einem Umdenken. Die junge Witwe erwarb in der Folge ein ca. 40 Hektar großes Areal südöstlich der Halbinsel Tornow, wo dann 1891 der erste Spatenstich gesetzt wurde zur Umsetzung des Stiftungsgedankens, elternlosen Mädchen eine Stätte für deren Erziehung und Bildung zu ermöglichen sowie die Pflege alter und kranker Menschen. 1901 erfolgte schließlich die offizielle Einweihung der vom evangelischen Glauben inspirierten Stiftung. Zu den ersten bis dahin errichteten Gebäuden kamen im Laufe der Zeit noch viele weitere hinzu, auch das 1911 eröffnete gotische Gotteshaus für die eigenständige Kirchengemeinde. Die Fertigstellung dieses Baus erlebte Clara Hoffbauer nicht mehr, sie war zwei Jahre zuvor verstorben. Noch zu Lebzeiten hatte sie die Stiftung mit einem beträchtlichen Vermögen ausgestattet und veranlasst, dass die Insel nach dem verstorbenen Gatten umbenannt wird – Hermannswerder. Das kleine Eiland am Templiner See hätte aber auch ihren Namen verdient gehabt.

 

 

Relief an der "Schauspielerkaserne", Foto: Marc Banditt

Woche 5

 

Posthofstraße 17

Kasernierte Künstler

 

„Potsdam ist ein angenehmer und schön gebauter Ort, aber man mag in eine Straße hinkommen, wo man will, so erscheint die ganze Stadt wie eine Caserne“.1  Der eine oder andere durchreisende Besucher konnte sich damals einen kleinen literarischen Seitenhieb auf die Schar der hier einquartierten Soldaten nicht verkneifen. Das alte Potsdam war nicht weniger Residenz als Garnison, es wurde zelebriert und exerziert. Etwas mehr Kunst für den gemeinen Bürger erhielt mit der Fertigstellung des Königlichen Schauspielhauses im Jahr 1795 Einzug; die klassizistische „Kanaloper“ an der heutigen Berliner Straße war von Friedrich Wilhelm II. gezielt als ein öffentliches Theater in Auftrag gegeben worden. Bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg fanden dort Darbietungen statt, der bekanntlich auch Friedrich Schiller während seines kurzen Aufenthaltes an der Havel einmal als Gast beiwohnte. Die Reste der Ruine trug man letztendlich erst 1966 ab. Existent ist dagegen noch das auf der Rückseite des Grundstücks angegliederte Logierhaus, das als Unterkunft für die Darsteller diente. Denn noch im ausgehenden 18. Jahrhundert nahm eine Kutschfahrt von Potsdam nach Berlin gefühlt einen halben Tag in Anspruch. Hinzu kam, dass die Vorstellungen in der Regel bis spät in den Abend andauerten und nicht selten tags darauf erneut aufgeführt wurden. Über dem Eingang der etwa 60 Zimmer umfassenden Herberge erinnert noch heute ein von Johann Gottfried Schadow konzipiertes Relief an die musisch begabten Gäste: Vor dem Altar Apollos stellen sich Szenen dar, die auf der einen Seite die Tragödie und auf der anderen Seite die Komödie erkennen lassen. Eine passende Betitelung des Hauses durch den Volksmund hat im Übrigen nicht lange auf sich warten lassen – es ist natürlich die „Schauspielerkaserne“…

 

 

1)  Freymüthige Bemerkungen über Hamburg, Berlin, Potsdam, Wien, Sondershausen und Gotha, etc. Auch etwas über Aufklärung und Arzneykunde, [o. O.] 1793, S. 127.

 

Peter Rohn: Adam und Eva, Foto: Marc Banditt

Woche 4

 

Zeppelinstraße 164 B

Ein Stück Paradies


Das Wort Paradies lässt Kenner der Potsdamer Historie natürlich schnell an Johann Moritz von Nassau-Siegen denken, der in den 1660er-Jahren eine poetische Vorstellung davon hatte, was aus dem märkischen „Eylandt“ werden müsse. 300 Jahre später ist diese Insel um ein kleines, aber wegweisendes Stück vergrößert worden. Die Zuschüttung des nördlichen Teils der Neustädter Havelbucht folgte pragmatischen Maximen, konnte dadurch die Breite Straße endlich mit der Zeppelinstraße verbunden werden. Von dieser verkehrsreichen Kreuzung geht man nur wenige hundert Meter Richtung stadtauswärts und biegt bei der ersten Querstraße links ab, bevor man nach einigen Schritten ein rund 300 m² großes Wandmosaik passiert. Vollendet wurde es 1981 vom Maler und Grafiker Peter Rohn, auf den zahlreiche Darstellungen im öffentlichen Raum von Potsdam zurückgehen. Und was, oder besser gefragt wer, ist nun an dieser Hauswand zu erkennen? Es handelt sich in der Tat um keine Geringeren als Adam und Eva! Ein durchaus gewagtes Motiv für ein Bauwerk realsozialistischer Prägung. Die Suche nach der Schlange und nach dem Apfel erweist sich letztlich aber als vergeblich. Dennoch – oder gerade trotzdem – enthält das Bild vielfältige Symboliken und Andeutungen, die zum Nachdenken über den Menschen und seine Ursprünge anregen. Was wohl der Herr von Nassau-Siegen dazu gesagt hätte?

 

 

 

 

Karl Liebknecht Golm/Eiche, Foto: Marc Banditt

Woche 3

 

Ecke Reiherbergstraße / Karl-Liebknecht-Straße
Als Karl und die Knechte zu Wahlsiegern wurden


12. Januar 1912: Das Unfassbare war eingetreten! Nach zwei missglückten Versuchen – 1903 und 1907 – hatte es Karl Liebknecht tatsächlich geschafft, den Wahlkreis Nr. 7 (Provinz Brandenburg – Regierungsbezirk Potsdam) für sich zu entscheiden. Ein Triumph im sogenannten Kaiserwahlkreis, der sich aus dem Osthavelland, Spandau und Potsdam zusammensetzte und eigentlich eine feste Bank der Konservativen war. Den Roten hingegen gelang damals ein Sieg auf ganzer Linie und Liebknecht selbst mit fast 25.000 erhaltenen Stimmen ein Husarenstreich mitten im Herzen der Hohenzollernmonarchie. Die Zeiten hatten sich also geändert, zumal es der letzte landesweite Gang zur Urne im Deutschen Kaiserreich sein sollte.
Nach seinem Eintritt in die Sozialdemokratische Partei (1900) war Liebknecht in der märkischen Residenzstadt sehr umtriebig gewesen, wo er bis heute einige Spuren hinterlassen hat. Zahlreiche Kundgebungen, Partei- und Wahlkampfveranstaltungen hatte der in Leipzig geborene Rechtsanwalt auf sich genommen, so auch am 31. Juli 1910 in Golm. Dort sprach er gegen das Dreiklassenwahlrecht – eine schwere Hypothek für die Herausbildung demokratischer Strukturen in Preußen.
Noch mehr als die Inschrift des Denkmals verrät uns die Chronik des Potsdamer Ortsteils über seinen Auftritt: „Liebknecht fand in Golm aufmerksame Zuhörer und große Zustimmung. […] Als [er], aus Potsdam kommend, hier eintraf, hatten sich schon ca. 50 Personen […] eingefunden. Er sprach etwa eine Stunde zu seinen Golmer Anhängern und unterhielt sich anschließend noch in kleinem Kreis“.1  Nun, wenn das so stimmt, scheint sich der Aufwand für den Wahlkämpfer am Ende ja gelohnt zu haben…   

 


1) 700 Jahre Golm. Ein Streifzug durch die Geschichte des märkischen Dorfes am Reiherberg, hg. vom Rat der Gemeinde Golm, Golm 1989, S. 68.

 

 

 

 

 

 

Karl Heinrich Schäfer, Foto: Marc Banditt

Woche 2

 

Meistersingerstraße 2
Im Glauben (und) gegen das Verbrechen
 
Karl Heinrich Schäfer hatte schon viel gesehen und noch mehr erlebt, bevor es ihn zu Beginn der 1920er-Jahre nach Potsdam verschlug.
Geboren 1871 im hessischen Wetter studierte der aus einfachen Verhältnissen kommende Schäfer evangelische Theologie in Greifswald, Erlangen und Marburg. Berlin, Kassel, Tübingen und Köln waren weitere Lebensstationen des mittlerweile promovierten Historikers. In der Rheinmetropole erhielt sein Leben eine entscheidende Weichenstellung: Der Übertritt zum Katholizismus 1902 führte prompt zum Verlust seiner Stelle am dortigen Stadtarchiv. Nur kurze Zeit später fand sich Schäfer in Rom wieder als Stipendiat der Görres-Gesellschaft, bis der Ausbruch des Ersten Weltkrieges seine Arbeit am Tiber beendete. Zwangsweise musste er den Campo Santo verlassen – jenen Ort, wo während der Christenverfolgung zahlreiche Martyrer starben – um mit eigenen Augen das Grauen der Moderne in Verdun zu sehen.
Nach dem Krieg ist er schließlich sesshaft in Potsdam geworden und beschäftigte sich ausgiebig mit der mittelalterlichen Kirchengeschichte Brandenburgs. Der Archivrat am neu gegründeten Reichsarchiv auf dem Brauhausberg musste sich unter seinen zahlreichen Kollegen aus dem Offizierskorps als Außenseiter fühlen. Mit nicht weniger Argwohn betrachtete Schäfer die an die Macht gekommenen Braunhemden, was auf Gegenseitigkeit beruhte – nach einer Denunziation folgte 1934 seine Versetzung in den Ruhestand. Er blieb ungebrochen und sein Haus in der Brandenburger Vorstadt ein geistiges Refugium für Gleichgesinnte. Zum Verhängnis wurde für ihn das Hören englischer Radiosender in Kriegszeiten; denunziert von der eigenen Hausangestellten geriet der Verratene in Haft, die er nicht überleben sollte.
Im Jahr 1999 ist Dr. Karl Heinrich Schäfer als Glaubenszeuge in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden.
 
 
 
 
 
 
Grad Yorck von Wartenburg, Foto: Marc Banditt

Woche 1

 

Ecke Burgstraße / Joliot-Curie-Straße
Ein unehelicher Volksheld im Potsdamer Straßenwirrwarr

 

Als Carl Christian Horvath „Potsdam’s Merkwürdigkeiten“ verfasste, widmete er der alten Schusterstraße, die „lauter neue Häuser von zwey Geschossen“1  hat, nicht mehr als zwei Zeilen. Ob der Name Johann David Ludwig von Yorck dem Publizisten und Buchhändler am Ausgang des 18. Jahrhunderts schon geläufig war, mag bezweifelt werden, zumal jener bis dato in seiner militärischen Laufbahn eher unangenehm aufgefallen war. Das Vergehen: Insubordination.
Mehrere Jahre später sollte der mittlerweile rehabilitierte und mehrfach beförderte Yorck abermals seine Vorgesetzten missachten. Für ihn hatte sein Handeln (Genaueres verrät die Inschrift der Gedenktafel) dieses Mal jedoch nicht eine einjährige Festungshaft – wie noch im Jahr 1780 – zur Folge, sondern die Erlangung des Heldenstatus. Dem Initiator des Freiheitskrieges gegen Napoleon wurden seitdem nicht allein Denkmäler in verschiedenen Städten gesetzt, auch Kriegsschiffe und Kasernen sind nach ihm benannt worden, Beethoven widmete Yorck einen Militärmarsch, die Ufa drehte 1931 ihm zu Ehren einen ganzen Film.
In seiner Geburtsstadt Potsdam trugen bis heute gleich drei Straßen seinen Namen: jene entlang des westlichen Teils des Kanals (seit 1962), die heutige Kopernikusstraße in Babelsberg (von 1905 bis 1945) und zwischen 1864 und 1945 schließlich die kleine Straße in der Potsdamer Altstadt mit dem Yorckschen Geburtshaus, das am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde. Die Schusterstraße (von 1945 bis 1964 Novalisstraße) ist ebenso nicht mehr existent im Stadtgrundriss. Dort kam der spätere preußische Generalfeldmarschall am 26. September 1759 zur Welt, als unehelicher Sohn des Offiziers David Jonathan von Yorck und Maria Sophia Pflug, der Tochter eines Handwerkers. Und richtig, es stimmt, es gab früher auch eine Pflugstraße in Potsdam…

 

1)  Carl Christian Horvath, Potsdam’s Merkwürdigkeiten, beschrieben, und durch Plans und Prospekte erläutert, Potsdam 1798, S. 78.