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Klimadialog

Potsdamer Klimadialog: „Jedes Grad zählt“

 

Im April 2020 hätte Dr. Steffen Lange, promovierter Volkswirt am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), einen Vortrag im Rahmen des Potsdamer Klimadialogs in der Urania Potsdam halten sollen – diesen Dialog gibt es nun digital:

 

 

Die Gesellschaft wird sich darauf einstellen müssen, dass wir das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr erreichen. Allerdings lohnt es sich auch weiterhin, CO2 zu vermeiden. Denn jedes Zehntelgrad zählt, betont der Ökonom Dr. Steffen Lange vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Er hat sich mit dem Potenzial einer smarten grünen Welt für den Klimaschutz befasst.

 

 

Herr Lange, wie kann die Digitalisierung dabei helfen, CO2 zu sparen?
Steffen Lange: Die Digitalisierung ermöglicht eine höhere Effizienz, deshalb verbinden sich mit ihr viele Hoffnungen. Und in der Tat treten diese positiven Effekte ein. Allerdings brauchen auch digitale Geräte Strom und Ressourcen. Hinzu kommen sogenannte Rebound-Effekte – das sind zwei negative Auswirkungen, die den CO2-Ausstoß erhöhen. Diese negativen Effekte müssen wir künftig minimieren. Unsere Auswertung hat ergeben, dass die Digitalisierung insgesamt dazu führt, dass sich der CO2-Ausstoß erhöht. Das ist zumindest die Entwicklung der letzten Jahre.

 

Welche positiven Effekte gibt es?
Green-IT zum Beispiel. Immer mehr Server nutzen Strom aus erneuerbaren Energien, allerdings ist dieser Bereich auch ein großer Verbraucher. 8 bis 10 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs hängen an der Herstellung und Nutzung von IKT-Geräten. Das verursacht immerhin 3 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Auf der anderen Seite braucht der Strommarkt der Zukunft digitale Technologien, um die Erzeugung und den Verbrauch von Ökostrom effizient zu managen.

 

Sie haben den Rebound-Effekt angesprochen. Wird die Digitalisierung dazu genutzt, um immer mehr zu produzieren?
Das ist bisher der Fall und geht auch mit ökologischen Problemen einher. Allerdings muss es nicht so sein. Die Digitalisierung könnte auch für eine sozial-ökologische Transformation genutzt werden – für eine Wende in verschiedenen Sektoren: im Verkehr, bei der Landwirtschaft sowie für die Energiewende. Letztere ist ein gutes Beispiel, wie digitale Vernetzung hilft, um dezentrale Ökoenergieanlagen und Verbraucher zu koordinieren. Beim Thema autonomes Fahren sagen unsere Prognosen, dass der Verkehr zunehmen wird, weil es für den einzelnen noch bequemer wird. Daher sollte Digitalisierung stattdessen für eine stärkere Nutzung des öffentlichen Personenverkehrs genutzt werden. Einen Rebound-Effekt im engeren Sinn sieht man sehr stark am Beispiel der Rechenprozessoren. Diese sind heute viel kleiner, aber auch weitaus leistungsstärker als noch vor einigen Jahren oder gar Jahrzehnten – und eben auch stärker verbreitet. Auf der anderen Seite ersetzt zum Beispiel ein Handy heute mehrere Geräte wie einen Wecker, eine Uhr oder einen Musikplayer. Das spart Ressourcen.

 

Auf dem Pariser Klimagipfel 2015 wurde beschlossen, die Erderwärmung auf 1,5-Grad zu begrenzen. Wie ist das zu erreichen?
Wir müssen unsere Produktions- und Lebensweisen grundsätzlich ändern – und das in allen wirtschaftlichen Sektoren. Um ein paar Beispiele zu nennen: Unsere Ernährung muss sich ändern, wir müssen vor allem bedeutend weniger tierische Produkte essen. Im Bereich Mobilität benötigen wir eine radikale Reduktion des Individualverkehrs. Urlaub kann nicht mehr standardmäßig eine Flugreise in die Ferne sein. Problematisch ist auch das generelle Ziel eines steten Wirtschaftswachstums. Derzeit werden unrealistische Ausmaße an negativen Emissionen in 2050 durch Aufforstung und den Einsatz der sogenannten CCS-Technik, also das Herausfiltern und Speichern von CO2, bei vielen Studien unterstellt. Wir haben in einer aktuellen Studie gezeigt, dass eine Wirtschaft ohne Wachstum uns erlauben würde, das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen, ohne auf solch unrealistische Lösungen zu setzen.

 

Denken Sie also, die Weltgemeinschaft erreicht das 1,5-Grad-Ziel?
Technisch halte ich das 1,5-Grad-Ziel für machbar. Gesellschaftlich bin da ich leider skeptisch. Wir sollten uns darauf einstellen, dass wir dieses Ziel nicht mehr erreichen. Nachlassen dürfen wir aber keinesfalls. Wir müssen uns mit allen Kräften anstrengen, denn jedes Grad zählt. Jedes Zehntelgrad mehr hat dramatische Auswirkungen. Dennoch gibt es auch Hoffnung. Insbesondere für Menschen mit hohen Einkommen kann weniger Konsum auch genug sein und tatsächlich mit einer höheren Lebensqualität einhergehen. Bei diesen Menschen braucht es aber eine bewusste Verhaltensänderung und auch entsprechender politsicher Rahmenbedingungen. Die Digitalisierung kann dafür einen Beitrag leisten. Sie ist aber nur ein kleiner Teil einer größeren Transformation.

 

Wo müssten wir Ihrer Meinung nach als erstes ansetzen, um möglichst schnell CO2 einzusparen?
Am meisten muss künftig im Bereich Verkehr passieren, hier treten wir seit Jahren auf der Stelle. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir an sehr vielen Punkten gleichzeitig ansetzen müssen: bei Verkehr, Ernährung, Wohnen, Industrie sowie Energieerzeugung und -verbrauch. Dieser Ansatz entspricht ja auch dem der Bundesregierung. Nur sind deren Ziele nicht ambitioniert genug und die gesteckten Ziele der Regierung noch nicht einmal erreicht. Erst das Coronavirus hat kurzzeitig dafür gesorgt, dass der Energieverbrauch und damit die CO2-Emissionen hierzulande und weltweit zurückgingen. Nur mithilfe der Pandemie konnte das aktuelle Klimaziel der Bundesregierung für 2020 erreicht werden.

 

Bei aller Dramatik, ist die Corona-Pandemie nicht auch eine Chance, Digitalisierung und Klimaschutz zu forcieren?
Corona hat die Digitalisierung eindeutig befördert. Die Politik hat zusätzliches Geld für die Digitalisierung in Schulen bereitgestellt. Am Arbeitsplatz haben sich die Videokonferenzen in der Anfangszeit der Pandemie schnell verdoppelt. Dadurch wird Mobilität ersetzt, auch wenn so parallel wieder zusätzliche Datenströme entstehen. Das alles sind aber kurzfristige Effekte. Uns ist wenig geholfen, wenn nach der Pandemie der Konsum, Verkehr etc. wieder anziehen und mit den gleichen dreckigen Energien wie zuvor ermöglicht werden. Langfristig benötigen wir eine wachstumsbefriedete Wirtschaft auf Grundlage erneuerbarer Energien.

 

Stellt sich die Frage, warum die Corona-Pandemie so viel direkter auf das politische Handeln wirkt als die Klimakrise?
Die Politik hat angesichts der Pandemie sehr schnell und konsequent gehandelt. Der Virus konnte regional durch wirkungsvolle Maßnahmen eingedämmt werden – mit sichtbarem Erfolg. Bei der Klimakrise sieht das anders aus: Sie wird als indirekter und auf nationalstaatlicher Ebene als weniger beeinflussbar wahrgenommen. Verstärkt wird das durch die erst langfristig sichtbare Wirkung des Klimawandels. Doch es ist schwerer für die Politik, auf internationaler Ebene Maßnahmen zu erreichen. Der Weltklimagipfel verabschiedet immer nur den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Länder, weil die Abschlusserklärung immer Einstimmigkeit verlangt. Es braucht also Regierungen, die auf nationaler Ebene mehr machen und eine Vorreiterrolle übernehmen.

 

 

Das Interview führte Niels H. Petersen.

 

 

Steffen Lange

Zur Person: Dr. Steffen Lange erforscht als promovierter Volkswirt am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), wie eine Wirtschaft ohne Wachstum – als Postwachstumsökonomie – stabil und nachhaltig gestaltet werden kann. Im Forschungsprojekt „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“ beschäftigt er sich damit, was die Digitalisierung der Ökonomie in sozial-ökologischer Hinsicht bedeutet.